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Klinische Untersuchung · Vorderes Kreuzband · Lachman-Test

Die Zahl ist nicht der Befund.

Ich sehe es regelmäßig bei jungen Kolleginnen und Kollegen: Der Lachman-Test wird gemacht, aber ohne Überzeugung. Das Knie fühlt sich irgendwie fest an, irgendwie auch nicht, der Patient spannt, der Vergleich zur Gegenseite bleibt vage. Am Ende steht: „Wir warten das MRT ab.“ Die Unsicherheit liegt selten am Test. Sie liegt an zwei Dingen, die kaum jemand beigebracht bekommt: was der Endpunkt eigentlich ist, und wie die Rotationsstellung des Unterschenkels ihn verfälscht.

Der Mechanismus in einem Satz

Der Endpunkt ist die Steifigkeit, mit der die Tibia gebremst wird, nicht der Weg. Ein intaktes VKB arretiert nach 2–3 mm abrupt, ein Sekundärrestraint bremst allmählich – und jede Rotationsstellung, die einen Sekundärrestraint vorspannt, macht aus einem weichen Endpunkt einen scheinbar festen.

Zwei Strukturen können das VKB „vertreten“: der Tractus iliotibialis (gespannt durch Innenrotation) und der mediale Kapsel-Band-Apparat (gespannt durch forcierte Außenrotation). Genau dieses „irgendwie fest“ ist die Ursache der Unsicherheit.

Gegenseite · Referenz3 mmfester Endpunkt, Grad 0A
Betroffene Seite · Seitendifferenz+0 mm3 mm Translation · ≥ 3 mm pathologisch
Befund
Rotation
Test

Knieszene · 25° Flexion

seitliche Ansicht
ventral = nach obenFlexion 25°FemurPatellaTibiaTractus entspanntVKBFemur fixiertTibia nach ventral051015mmEndpunkt fest
Translation
3 mm
Endpunkt
fest
IKDC
0A

Kraft-Weg-Kurve

Steifigkeit = Endpunkt
Translation (mm)Kraft051015steiler Anstieg = fester Endpunkt
Intaktes VKB: nach ca. 3 mm wird das Band auf Spannung gebracht und arretiert abrupt. Gleiche Translation wie die Gegenseite, fester Endpunkt.

Leichte Außenrotation (10–15°, Torg): Tractus entspannt, Hamstrings weniger aktiv, mediale Strukturen bei 20–30° Flexion noch nicht rekrutiert. Unter anteriorer Last trägt das posterolaterale VKB-Bündel bei niedriger Flexion die größte Kraft, das anteromediale bleibt konstant beteiligt – volle Translation, unverfälschter Endpunkt. Empfohlene Testposition.

Wer bremst statt des VKB

Beide Sekundärrestraints bremsen flach und spät, aber früh genug, um das Tastbild zu verfälschen. Die Rotation entscheidet, welcher von beiden vorgespannt ist.

Leichte Außenrotation (10–15°, Torg 1976)

Tractus entspannt, Hamstrings weniger aktiv, mediale Strukturen bei 20–30° Flexion noch nicht auf Länge. Das VKB trägt allein – dabei übernimmt das posterolaterale Bündel bei niedriger Flexion die größte In-situ-Kraft (Maximum bei 15°), das anteromediale bleibt konstant beteiligt: volle Translation, unverfälschter Endpunkt. Die empfohlene Testposition.

Innenrotation → Tractus iliotibialis

Der Tractus setzt am Tuberculum Gerdy an und liegt bei 20–30° Flexion nahe der Flexionsachse. Innenrotation wickelt ihn um den lateralen Kondylus und spannt ihn – er wird zum anterolateralen Frühbremser. Dazu PLE und HKB-Umschlingung. Translation −35 %, Endpunkt „falsch fest“ – bei chronischer Insuffizienz entfällt das, weil der anterolaterale Komplex selbst elongiert ist.

Forcierte Außenrotation → medialer Apparat

MCL, posteromediale Kapsel, POL und Meniskushinterhorn werden vorgespannt und übernehmen die Bremse – der Mechanismus der anteromedialen Schublade nach Slocum, nicht des Lachman-Tests. Translation −40 %, Partialruptur wird übersehen.

01Die vier Befunde

Was die Hand fühlt, hängt vom Befund ab

INTAKT

Fester Endpunkt, 3 mm

In jeder Rotationsstellung. Der Test funktioniert hier immer, deshalb merkt niemand, wenn die Technik falsch ist.

0A · rotationsunabhängig
PARTIAL

Der kritischste Fall

In leichter AR bremsen nur die Restfasern, der Endpunkt ist weich. In IR übernimmt der Tractus, in forcierter AR der mediale Apparat: Endpunkt fest, Partialruptur übersehen. Ausgerechnet hier ist das MRT am unschärfsten.

Korrekt 1B · Maskiert 0–1A
KOMPLETT

Sekundärrestraints bremsen zuerst

In leichter AR Grad II, weich. In forcierter AR oder IR Grad I, „falsch fest“. Der falsch-negative Lachman entsteht nicht durch mangelnde Kraft, sondern durch die Rotation.

Korrekt 2B · Maskiert 1A
CHRONISCH

Keine Maskierung mehr

Bei erheblicher chronischer Insuffizienz ist der Kapsel-Band-Apparat auf beiden Seiten mitbetroffen: die posteromediale Ecke durch die wiederholte anteromediale Subluxation, der anterolaterale Komplex durch die Pivot-Episoden. Kein straffer Zügel bleibt übrig – in jeder Rotationsstellung Grad III, Endpunkt fehlend. Der Pivot-Shift ist positiv.

3B · rotationsunabhängig
Konsens

Endpunktqualität vor Translationsweg

Die Kraft-Weg-Kurve des VKB ist steil, die der Sekundärrestraints flach. Deshalb sagt der Endpunkt, ob das Kreuzband bremst; die Millimeter sagen nur, wie viel Spiel entstanden ist. Ein 2B ist eine Kreuzbandruptur. Ein 2A ist keine Ruptur, aber auch nicht normal: ein elongiertes Band, das noch bremst, nur zu spät. Ob es rotatorisch noch führt, entscheidet der Pivot-Shift, nicht der Lachman. Notation nach IKDC: Grad I–III für die Mehrtranslation (3–5 / 6–10 / > 10 mm), A/B für den Endpunkt.

Mechanistisch plausibel

Rotation moduliert die Sekundärrestraints, nicht das VKB

Nahe der Streckung verändert die Tibiarotation die VKB-Spannung nur gering; unter anteriorer Schubladenlast dominiert bei 20–30° Flexion das posterolaterale Bündel (In-situ-Maximum bei 15°, Sakane/Woo 1997), das anteromediale bleibt konstant beteiligt. Was sich ändert, ist die Vorspannung der Bremsen zweiter Ordnung. „Komplette Entspannung des VKB in Außenrotation“ trifft in dieser Position nicht zu.

Konsens

Die Gegenseite ist die einzige valide Referenz

Gesunde Seite zuerst: Der Patient lernt den Ablauf, die Hände kalibrieren sich am individuellen festen Endpunkt. Erst dann die Millimeter. Cave bilaterale Läsion und Hyperlaxität (Beighton) – dort fehlt die Referenz.

02Die Konsequenz

Wer so untersucht, braucht das MRT zur Bestätigung, nicht zur Diagnose

1

Gesunde Seite zuerst. Patient lernt den Ablauf, entspannt besser, Untersucher kalibriert die Hände.

2

Knie 20–30° Flexion, Tibia neutral bis leicht außenrotiert (10–15°). Keine Innenrotation, keine forcierte Außenrotation, nie den Fuß außenrotiert ablegen. Hamstrings entspannt, bei Bedarf Oberschenkel auf dem Untersucherschenkel ablegen.

3

Eine Hand fixiert den distalen Femur von lateral, die andere umfasst die proximale Tibia von medial, Daumen am anteromedialen Gelenkspalt.

4

Kurzer kräftiger Zug nach ventral. Beurteilen: zuerst Endpunkt (fest A / weich B), dann Weg (Grad I 3–5 mm, II 6–10 mm, III > 10 mm Mehrtranslation).

Was das Modell leistet und was nicht

Dargestellt ist eine seitliche Ansicht des rechten Knies in 25° Flexion, ventral nach oben. Translation, Rotationsfaktoren und Kraft-Weg-Kurven sind normiert und schematisch, kalibriert an der publizierten Rolle von Tractus und medialem Kapsel-Band-Apparat als Sekundärrestraints; sie sind nicht patientenspezifisch gemessen.

Die Maskierungsfaktoren (Neutral 0,9 · forcierte AR 0,6 · IR 0,65) bilden die Größenordnung ab, nicht exakte Werte. Muskuläre Schutzspannung, Erguss und Hyperlaxität verändern das Bild zusätzlich und sind nicht modelliert.

§
Literatur
Torg 1976 · Slocum 1968 · Sakane 1997 · IKDC 2000

1. Torg JS, Conrad W, Kalen V. Clinical diagnosis of anterior cruciate ligament instability in the athlete. Am J Sports Med 1976;4:84–93.
2. Slocum DB, Larson RL. Rotatory instability of the knee. J Bone Joint Surg Am 1968;50:211–225.
3. IKDC Knee Examination Form 2000.
4. Sakane M, Fox RJ, Woo SL-Y, et al. In situ forces in the anterior cruciate ligament and its bundles in response to anterior tibial loads. Am J Sports Med 1997;25:285–293.

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Dr. Volker Fass · Orthozentrum Freiburg · Sportmedizin und Orthopädie. Interaktives Lehrmodell zur klinischen Untersuchung, kein Ersatz für die individuelle Befunderhebung.

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